Das Schauer-Gebäude

Eine lesbare Fassade. Inschriften und Einritzungen aus der Zeit vor und während des 1. Weltkrieges und nach dem Ende des 2. Weltkrieges 1945 / 46 an der Ulanenkaserne (Holzhofkaserne 2, Nürnberger Str. 116) in Bamberg.

 

Das nach dem letzten Eigentümer, Peter Schauer, der dort ein legendäres Faschingskaufhaus betrieben hat, heute so benannte „Schauer-Gebäude“, ist, wie die anderen Kasernenbauten der Stadt, ein Backsteinbau mit unverputzter Oberfläche. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man an den der Straße zugewandten Ecken an der nordwestlichen und südöstlichen Giebelseite und vereinzelt die gesamte straßenseitige Fassade entlang handschriftliche Spuren, Namen, Daten, Kürzel, Zeichen. Oberhalb des Sandsteinsockels in Erdgeschosshöhe: der Sandsteinsockel ist ca. 90 cm hoch, darüber dann in Greifhöhe bis Kopfhöhe (höchstens 170 cm) befinden sich die Kritzeleien bzw. Einritzungen.

Eine große Häufung ist an der Südostecke, vor dem einige Meter nach hinten gesetzten Einfahrtstor, von dem noch die Sandsteinpfosten vorhanden sind. Auf der anderen Giebelseite an der Einfahrt gibt es nur eine Inschrift, dort sind die meisten an der Straßenseite.

In diesen Akkumulationen ist fast jeder Klinkerstein bekritzelt, beritzt, beschrieben, teils leserlich, teils nicht. Die Inschriften bzw. Einritzungen beschränken sich meist auf die Größe einer Ziegelsteinoberfläche. Die Maße der Backsteine sind in der Länge 29 bzw. 14 cm, in der Höhe 6,5 cm.

Die Bandbreite von Schriften geht von älteren deutschen Druck- und Schreibschriften, in fast artifiziellem Bemühen (Baptist Ramer, W. Wisser) eingeritzt, über gut lesbare, einfach ausgeführte amerikanische Namen bis hin zu teils ungelenk gekratzten Großbuchstaben, meist Namen oder Kürzel von US-Bundesstaaten (OHIO, MISS., TEXAS ect.). Selten gehen die Zeichen über eine Klinkergröße hinaus, wie beim Beispiel eines Divisionszeichens, das 41 cm in der Höhe und 23 cm in der Breite aufweist. Die ältesten und kleinsten Schriftzeugnisse bemessen sich ungefähr auf eine Buchstabenhöhe bis 2 cm (oft in flüssiger Schreibschrift ohne viel Kraftausübung mit Bleistift oder einem spitzen Metallgegenstand ausgeführt), die amerikanischen Einritzungen aus dem Jahr 1945 erreichen eine Großbuchstabenhöhe von ungefähr 6 cm.

Ungefähre Anzahl der hier erfassten Inschriften: 80.

Es finden sich natürlich auch Kritzeleien, die nicht oder schwer entschlüsselbar sind, manchmal ist es schwierig, unabsichtliche oder versuchsweise Kratzer von den schriftlichen Spuren zu trennen, auch Abplatzungen durch Verwitterung, Eingriffe durch Bohrlöcher oder Musterflächen für geplante Dämmmaßnahmen für den Umbau des Gebäudes zu Wohnzwecken, sowie die allgegenwärtigen Graffiti-Sprühlacke behindern den „Durchblick“.

Trotzdem ist eine beträchtliche Liste an Zeugnissen herausgekommen.

Ein Text! Sie können ihn mit Inhalt füllen, verschieben, kopieren oder löschen.

 

Don Code 8. 6. 45

Einritzungen der Amerikaner am Schauer-Gebäude

 

„Cross of Lorraine“ - das Divisionszeichen der 79th Infantry Division der Amerikanischen Armee, das sogenannte Lothringer Kreuz, bestehend aus einem Kreuz mit zwei Querbalken in einem Wappenschild, sowie die häufige Einritzung der Jahreszahl 1945 bringen uns auf die Spur! Nachdem Bamberg am 13. April 1945 als „befreit“ erklärt werden konnte, blieben Angehörige dieser Division in Bamberg, um Besatzungsaufgaben zu erfüllen. Desgleichen amerikanische Soldaten der 1. Infanterie-Division, die sich ihrerseits auch mit ihrem Divisionszeichen verewigt haben. Zum Einsatz der 79. Infanteriedivision der US-Army in Europa lesen wir im Aufsatz von Prof. Wilfried Krings „Ami gone home. Spuren der US-Militärpräsenz im Stadtbild von Bamberg 1945 – 2014.“ folgendes:

 

„Ihren Namen „Cross of Lorraine“ (Lothringerkreuz) hatte sich die Division im Ersten Weltkrieg bei der Maas-Argonnen-Offensive 1918 erworben; sie führte seither ein Kreuz mit zwei gleichlangen Querbalken im Schild, wie es auf der Ritzung erkennbar ist. Im Zweiten Weltkrieg war die Division von April 1944 bis November 1945 im Einsatz. Sie war an der Landung der Amerikaner am sogenannten D-Day (6. Juni 1944) an jenem Küstenabschnitt der Normandie beteiligt, der den Decknamen „Utah Beach“ trug. Es folgten Kämpfe in Nordfrandkreich, bis schließlich die Querung des Rheins an der Eisenbahnbrücke bei Remagen geschafft wurde (…). Nach der Kesselschlacht um das Ruhrgebiet und der Kapitulation der Heeresgruppe B der Wehrmacht am 18. April 1945 war die 79. Infanteriedivision in Dortmund stationiert. Im Rahmen der Besatzung folgten zunächst Aufgaben im „Reichsgau Sudetenland“ (Raum Eger / Cheb), später dann in Unterfranken (u.a. Hammelburg, Aschaffenburg). Im Zuge der Verlegung von Königsberg an der Eger in andere Orte der Region könnten Angehörige der Einheit nach Bamberg gelangt sein und die Monongah-Einritzung hinterlassen haben. Von Unterfranken aus ging es jedoch schon bald per Bahn nach Marseille, wo in der letzten Novemberwoche 1945 die Einschiffung zur Rückkehr in die Heimat erfolgte. Gut 14 Tage später, am 11. Dezember, wurde die Division außer Dienst gestellt.“

 

Liste der entzifferbaren Zeugnisse der Angehörigen der US-Armee (Schrägstrich bedeutet Zeilensprung, Groß- und Kleinschreibung wie im Original, in Klammern Erläuterungen):

 

- DON CODE (Familienname) / 8. 6. 45

 

- Mc Dill (Familienname) / Indiana (US-Bundesstaat)

 

- BROCKTON / MONTANA /JUNE 23, 45 / ON DUTY FROM 7 till 10 EVERYDAY

 

- SAN FRANCISCO / PHILA / Ph M

 

- Bob BA (?) / Winslow / ARIZ (Winslow im Bundesstaat Arizona)

 

- Winthrop (Ortsname, gleichnamiger Ort in versch. Bundesstaaten) / Aug 194…

 

- AMERILLO / TEXAS (Stadt und US-Bundesstaat, zweimal vertreten)

RIDE… WEL… (Ride well? Verziert mit zwei Fähnchen bzw. Standarten)

 

- KANKA(?)E / ILL. (Kankakee im Bundesstaat Illinois)

 

- Poplar Montana Montie (Poplar = Ort im Bundesstaat Montana, Montie Montana nannte sich ein berühmter Rodeoreiter aus Montana, lebte von 1910 bis 1998, Einritzung eines Fans, der aus derselben Gegend stammte)

 

- 20 century fox (in winziger Bleistiftschrift, US-Filmgesellschaft, zweimal vorhanden)

 

- HURST (Stadt in Texas)

 

- H. W. H. 1945

Phila /Pa (Philadelphia im Bundesstaat Pennsylvania)

 

- J. B. C. Sept. 23. 1945

(MI) SSISSIPPI (die ersten beiden Buchstaben durch Bohrloch getilgt)

- SHELBYVILLE / TENN. (Stadt im Bundesstaat Tennessee)

 

- EDWARD KEE / Portland Oregon (dieser Name findet sich im World Wide Web in einer genealogischen Datei: geb. 3. März 1925, Vater Hong Edward Kee, chinesischstämmig, wohnhaft in Portland (Oregon), gest. 4. Aug. 1962 mit nur 37 Jahren an Schrapnell-Verletzungen aus dem Zweiten Weltkrieg)

 

- Charles E. Schumacher / Dubuque Iowa / May 1 (oder 7) – 1945

(ebenfalls in genealogischer Datei gefunden, geb. 1926, mit eingetragenem Nachruf, der seinen Werdegang schildert und folgenden Passus enthält „He served in the Army during World War II“.)

 

Noch zahlreiche weitere Einritzungen sind vorhanden, meist wie bei den hier genannten Beispielen zusammengesetzt aus Ortsnamen und jeweiligem US-Bundesstaat, einige auch mit Datierung. Auch Divisionszeichen sind zu sehen.

Ob all diese amerikanischen Soldaten hier im „Schauer-Gebäude“ untergebracht waren, ist noch zu recherchieren. Belegt ist die Unterbringung amerikanischer Streitkräfte nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Abzug im November 1945 im Haingebiet, aber vielleicht nicht für die gesamte Mannschaft. Vielleicht musste man sich aber auch die Zeit vertreiben beim Anstellen und Warten auf etwas (Essensrationen, ärztliche Untersuchungen, Registrierung in einem Büro, Zuteilungen von etwas…?).

Dafür spräche die Anhäufung der Inschriften vor den Eingangsbereichen. Oder auf die Öffnung der Türen zu Arbeitsbeginn, wie der Eintrag „on duty from 7 till 10“ eines US-Soldaten aus Montana nahelegt.

 

Insgesamt lässt sich eine erstaunlich große Zahl ihrer „Verewigungen“ feststellen. Wie groß war wohl auch die Sehnsucht nach dem Zuhause, nach Pennsylvania, Missouri oder Ohio? Edward Kee zum Beispiel war erst 19 Jahre alt, als er nach Europa geschickt wurde, viele wurden verwundet oder getötet. Diese hier haben den Krieg überlebt.

 

Liste der entzifferbaren Einritzungen und Inschriften aus der Zeit vor und während des Ersten Weltkriegs

 

- J. Ullrich (in Schreibschrift mit geschwungenem Endschnörkel, häufiger Familienname, auch in

Bamberg vorh.)

 

- Monogramm in verschlungenen Großbuchstaben J U (vermtl. wieder J. Ullrich)

und nochmal groß seine Initialen

 

- Matrose / Hoh / 6. 4. 14

 

- Baptist Ramer (in Schönschrift)

 

- J. Honeker, 1. B. Ul. Rgt. 5… /Lg. 1909 – 12… Ochsenfurt (in Schreibschrift mit Bleistift, ein Mitglied des Ersten Königlich Bayerischen Ulanen Regiments)

 

- Ul. Wisser / 1909 / 17 (eingeritzt in aufwändiger, frakturähnlicher Schrift, Ulane Wisser)

 

sowie weitere Abkürzungen und bisher unleserliche Namen aus der Ulanenzeit. Wahrscheinlich waren hier Regimentsangehörige der „Bamberger Ulanen“ (Königlich Bayerisches 1. Ulanen Regiment Kaiser Wilhelm II. König von Preußen), also Mannschaftsleute, tätig oder untergebracht. Namen von adeligen Offizieren finden sich hier nicht.

 

Displaced Persons

 

Einige wenige Namen könnten einer anderen Gruppe zugeordnet werden, „Displaced Persons“, kurz DP´s, die nach dem Kriegsende 1945 in Bamberg in der Koppenhof-Kaserne untergebracht waren, also im selben Straßenzug fast in Sichtweite. „Bela Veinberger“ zum Beispiel ist ein solcher Name. Die Amerikanische Armee und die Flüchtlingsorganisation UNRRA betreuten diese Menschen, die aus Konzentrations-, Vernichtungs- und Zwangsarbeiterlagern befreit worden waren. Im geschlossenen Camp in der Koppenhofkaserne waren von 1945 bis 1949 mehrere Hundert jüdische DP´s, darunter viele Kinder, untergebracht. Zu Zeiten der höchsten Belegung 1946 u. 1947 waren das um die 1.600 Personen. Ob in diesem Teil der ehemaligen Ulanenkasernen DP´s (möglicherweise nichtjüdische) untergebracht waren, müsste noch recherchiert werden. Es könnte ihnen aber auch dort etwas zugeteilt worden sein, wofür sie anstehen mussten.

 

An der rückwärtigen Fassade der Koppenhofkaserne befindet sich ein relativ gut erhaltenes, farbiges Wandbild als Zeuge dieser Zeit (dazu ausführlicher an anderer Stelle), am Sandsteinsockel rings um das Gebäude sind außerdem noch Buchstabenkürzel eingeritzt, einmal der Name „Chaim“ und ein kleiner Davidsstern. Außerdem haben sich auch hier Militärangehörige seit ungefähr 1880/90 auf den Ziegelsteinen neben dem straßenseitigen Haupteingang verewigt.

 

Anmerkung: Prof. Krings hat die Schutzgemeinschaft Alt Bamberg auf diese historischen Spuren am Schauer-Gebäude hingewiesen; er selbst hat in oben genanntem Artikel bereits Einritzungen aus Ulanenzeit und Kriegsende 1945 exemplarisch geschildert. 2020 / 21 hatte unser Verein Einspruch erhoben gegen die geplante Fassadenveränderung im Zuge des Umbaus zur Wohnnutzung, denn die historische Ziegelsteinbauweise sollte nach ersten Plänen komplett gedämmt und verputzt, nach Planungsänderung und jetzigem Kenntnisstand aber mit einer Pseudo-Klinker-Außenhaut versehen werden (wofür schon eine Bemusterung angebracht wurde). Somit fordern wir nach der (Wieder-)entdeckung der Zeitzeugnisse Erhalt und Konservierung der Original-Fassade sowohl aus denkmalpflegerischen Gründen, als auch aus unserer Verpflichtung als Stadtgesellschaft zu einer Erinnerungskultur. Das ist der Anlass für diese Dokumentation. Fotografien von den Original-Inschriften und -Einritzungen sind ebenfalls vorhanden.

 

 

 

Quellen:

Krings, Wilfried: „Ami gone home. Spuren der US-Militärpräsenz im Stadtbild von Bamberg 1945 – 2014.“ In: Schönere Heimat 2017, Heft 4, S. 331 – 338.

Gunzelmann, Thomas u.a.: Die Kunstdenkmäler von Bayern, hrsg. v. Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, Regierungsbezirk Oberfranken III, Stadt Bamberg 1, Stadtdenkmal und Denkmallandschaft, 2012, S. 667.

 

 

Ulrike Grießmayr

Fotos: Martin Lorber u. Dieter Zipprich

 

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